ASTI FIRUZ

ASTI FIRUZ

WIE GEHT´S, WIE STEHT´S?!

Asti Firuz lässt ihren Blick durch das Café in Opladen schweifen. „Respekt, das ist das Wichtigste im Leben.“ Wir sitzen im Zettel´s Traum und haben uns sehr lange darüber unterhalten, wie schwierig es für eine Frau aus Äthiopien ist sich hier einzuleben. „Ich bin 1996 aus Addis Abeba nach Leverkusen gekommen. Es war die blanke Not, die mich aufgrund der politischen Unruhe in der Hauptstadt nach Deutschland getrieben hat. Dann war ich sehr lange in der Unterkunft in der Sandstraße, viel zu lange. Aber für Menschen ohne Papiere ist es überall auf der Welt schwer.“ Zu ihrem großen Glück habe sie dort ihren Mann kennengelernt, einen Afghanen. „Es war die große Liebe.“ Er sei ein außergewöhnlicher Muslim gewesen, die Toleranz in Person. „Er hat mich als Christin mit großem Respekt behandelt.“ Und als die beiden nach langen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt hätten, wäre wirklich alles gut gewesen. Vor allem weil sie zwei wunderbare Töchter hier in Leverkusen zur Welt gebracht hätten. Asti Firuz treten die Tränen in die Augen. Ihr Mann starb 2020 an Krebs.

Zwei Menschen in einem fremden Land. Ein Paar, das sich sehr liebt. War diese Liebe denn nie in Gefahr? Asti Firuz rührt lange in ihrem Kaffee. „Du stehst draußen und siehst die vielen Menschen da drinnen. Was muss in so einer Situation passieren, dass du den Mann, den du liebst, verlässt? Ich hatte einfach die Hoffnung, anderswo problemloser einen Pass zu bekommen.“ Einer ihrer Brüder lebt heute noch in London und dieser hätte damals berichtet, dass dort alles viel leichter sei. „Also habe ich es 2003 auf einen Versuch ankommen lassen. Allein mit der älteren Tochter bin ich nach London gezogen. Das ist aber nur wenige Wochen gut gegangen. Meine Tochter hat tagelang geweint, weil sie ihr Zuhause vermisst hat. Mir hat es das Herz gebrochen. Wir waren eben doch schon zu sehr in Deutschland verwurzelt. Unser Herz schlägt für Leverkusen, überhaupt kann man das Herz nicht verpflanzen.“ Also ging es zurück nach Deutschland.

Die Krise ließ die Familie mit ihren so verschiedenen kulturellen Einflüssen noch tiefere Wurzeln in der kleinen rheinischen Großstadt schlagen. „Meine beste Freundin ist Leverkusenerin. Ich habe sie während der Kindergartenzeit meiner Ältesten kennengelernt. Überhaupt gibt es aus dieser Zeit noch andere enge Kontakte. Hier in der Stadt herrscht eine familiäre Atmosphäre.“ Es komme aber auch darauf an, inwieweit die Menschen sich auf das Land einlassen, in dem sie landen. Sie selber habe von Anfang Deutsch lernen wollen und habe sich dabei mehr Unterstützung gewünscht. Umso mehr hätten ihr Mann und sie darauf geachtet, dass auch bei ihnen zuhause deutsch geredet wurde. „Das hat unseren Töchtern sehr geholfen. Äthiopien und Afghanistan sind sehr weit weg, unsere Heimat ist hier.“ Gibt es denn aus ihrer Sicht etwas, was in Leverkusen getan werden sollte, um die Lebenssituation zu verbessern? Sie wisse selber um die Wohnraumprobleme, aber für alle Beteiligten sei es besser, Flüchtlinge bei der Zuteilung von Wohnungen weiter über das Stadtgebiet zu verteilen. Ghettobildung sei der Feind der Integration.

Wir haben mittlerweile das Café verlassen und gehen durch die Düsseldorfer Straße. Besonders beeindruckt war Asti Firuz von dem Zusammenhalt der Opladener während der Flut 2021. In solchen Situationen zeige sich der Charakter der Menschen. Sie selber helfe gerne, auch wenn sie wirklich nicht viel habe. Und es komme vor, dass ihre Tochter vorschlage: „Komm Mama, wir haben heute so viel zu essen, wen wollen wir einladen?“ Asti Firuz legt ihre Hand auf ihr Herz. Sie strahlt. „In solchen Momenten bin ich stolz und denke, dass wir als Familie einiges richtiggemacht haben. Auch jetzt als Witwe komme ich klar. Ich habe eine kleine Rente meines Mannes und arbeite in der Gastronomie. Aber vor allem bei der Arbeit vermisse ich Respekt gegenüber meiner Leistung. Meine Tochter sagt oft, Mama, du gibst immer hundert Prozent, das nutzen viele Menschen aus. Sie hat sicherlich recht, aber ich kann nicht anders.“

Wie schafft ein Mensch es, sich bei so vielen Enttäuschungen und persönlichen Rückschlägen die Lebenslust zu bewahren? Asti Firuz führt mich durch die Kleingartenanlage in der Ruhlach. Hier hat sie seit dem Frühjahr 2022 eine Parzelle. Nachbarn kommen uns entgegen und begrüßen den Neuling überschwänglich. Eine Frau läuft uns mit einem Arm voller Maiskolben hinterher und bietet ihr diese an. „Wir haben einfach zu viel davon, nimm das bitte!“ Sie nimmt gerne und zeigt das auch. Ein Gespräch über Gott und die Welt beginnt. Die Frauen verabreden sich auf ein Käffchen am nächsten Tag. „Wir sehen uns im Garten.“

„Dies hier ist das Paradies für mich. Der Garten übertrifft wirklich alles, was ich hier in Deutschland erlebt habe.“ Zeit zu gehen. Wir verabschieden uns an der Gartenpforte. Hier steht kein festes Haus, aber es gibt einen Unterstand mit Tisch und Stühlen. Und die Beete sind alle gut in Schuss. „Dream of para-para-paradise“ Der Refrain dieses Coldplay-Songs fliegt mich an. Wie schön, dass Träume doch ab und an wahr zu werden scheinen.

Auf Wiedersehen, Asti Firuz. Herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Text & Foto © Hendrik Neubauer / Lust auf Leverkusen.

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